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literatur:der-praktische:birne:winterkochbirne-01

Winterkochbirnen

altes Gartenwissen neu entdeckt.
(von E. Frey, – Sonntag, 21. Januar 1894, Nr. 3, 9. Jahrgang,)

Es ist mir aufgefallen, daß unsere wirklich ausgezeichneten Kochbirnensorten noch lange nicht genügend bekannt und geschätzt sind.
Wohl die meisten Tafelbirnengeben unter Umständen gute Wirtschaftsbirnen, doch ist hierbei zu bedenken, daß die meisten derselben in den wirklichen Wintermonaten, wo eine gute Kochbirne erst mehr in den Vordergrund tritt, bereits abgewirtschaftet haben. Andernfalls sind in dieser Zeit Tafelbirnen in ihren Vorräten so zusammengerückt, daß es Verschwendung genannt werden müßte, wenn man dieselben kochen wollte, statt sie zu hohen Preisen auf den Markt zu bringen. Praktische Obstverwertung würde das wohl niemand nennen. Auch muß ja noch hinzugefügt werden, daß der Anbau von wirklich späten Tafelbirnensorten (abgesehen von der Spalierkultur), in Folge des Klimas in Deutschland nie allgemein und nutzbringend werden kann, wohingegen die Kochbirnenbäume auch in rauheren Gegenden sich als widerstandsfähig und als dankbare Träger auszeichnen und die Früchte in den Monaten Dezember bis April auf dem Märkten raschen Absatz und gute Preise erzielen.

Hier ist der Schwerpunkt zu suchen und der Wert einer guten Winterkochbirne wird schnell und voll erkannt werden. Vom November bis April bieten die Kochbirnen der Hausfrau Gelegenheit die verschiedensten Speisen und Kompotte zu bereiten. Dieselbe hat nicht mehr nötig, durch mühsames Einkochen in Zucker Birnen zu konservieren. Auch die gedörrten Birnen werden durch die frühen Kochbirnen weit überragt an Güte, Aroma und Aussehen. Lezteres ist bei richtiger Bereitung ein schönes Rot, hervorgerufen durch die den Kochbirnensorten in reichem Maße innenwohnende Gerbsäure. Wohingegen gekochte Tafelbirnen meistens eine gelbliche, unbestimmte Farbe haben und dadurch wenig einladend erscheinen, und oft künstlich rot gefärbt werden müssen.
Ich weiß wohl, daß fast jede Gegend ihre besonderen lokalen Kochbirnensorten produziert, ich will denselben, auch hinsichtlich ihrer Güte, nicht zu nahe treten. Viele von ihnen sind aber zu klein, manche auch in der Farbe unscheinbar, um auf dem Markte Aufsehen und Kauflust zu erregen. Eine gute Kochbirne darf nicht klein sein, sonst bleibt nach dem Schälen und Ausschneiden des Kernhauses nichts übrig. Zum Zwecke des Verkaufs muß sie eine schöne Farbe haben und ihre Reife nicht in die Monate September bis November fallen, weil sie so früh wenig wert ist. Sie muß den ganzen Winter bis zum Frühjahr dauern, und sich gut, ohne zu faulen oder zu welken, auf dem Lager aufbewahren lassen.

Alle Birnen, welche ich hier empfehlen will, haben diese guten Eigenschaften, und sindvon mir schon seit Jahren in jeder Weise erprobt. Zuerst nenne ich die
Kamper Venus.
Sie war die Lieblings-Kochbirne des alten seligen Oberdieck, er empfahl sie auf das wärmste, und kein Pomologe das Urteil dieser Autorität anzweifeln. Der Baum baut sich schön, wächst rasch und gesund, ist gegen rauhe Lage nicht empfindlich, trägt früh und sehr reich. Die Frucht reift im November und hält bis März. Sie färbt sich auf dem Lager schön hellgelb mit lebhaft scharlachroter Sonnenseite. Ihr lachend schönes Aussehen, ihre Güte und Dauer machen sie zu einer sehr wertvollen Marktfrucht. Gekocht ist sie schön rot, und von feinem, süßweinigem Geschmack. Ferner:
Schnakenburger Winterkochbirne.
Sie stammt aus Hannover und ist leider noch sehr wenig verbreitet, der Baum ist sehr rasch wachsend, bildet eine schöne Pyramide und ist sehr tragbar. Die bergamottartige Frucht mit langem Stiel ist in der Reife ebenfalls prachtvoll gefärbt, und wird, wenn der Baum einen geschützten Standort hat, recht groß. Die meinigen erfreuen sich dieses letzteren Vorteils nicht, liefern aber trotzdem recht schöne ansehliche Früchte. Das Fleisch derselben ist gelblich, sehr süß und stark zimtartig gewürzt; gekocht schön dunkelrot, ein köstlicher Genuß! Ihre Dauer reicht bis zum Frühjahr hinein. Sie ist eine ebenso gern gekaufte Frucht, wie die vorige. Als dritte nenne ich die
Baronsbirne.
Sie ist ebenfalls eine große, schöne Frucht, welche gekocht dieselben guten Eigenschaften zeigt wie die vorigen. Der Baum baut sich mit runder Krone, ist hart und gesund, trägt früh und sehr dankbar.
Zum Schluß will ich noch bemerken, daß es ein großer Vorzug der Kochbirnensorten ist, daß sie infolge ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die Unbilden der Witterung oft, wenn viele andere Sorten vollständig versagen, noch reichen Ertrag geben.

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literatur/der-praktische/birne/winterkochbirne-01.txt · Zuletzt geändert: 2017/11/28 21:31 von apfelmann