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literatur:der-praktische:birne:winterbirnen-01

Zwei gute Winterbirnen für schweren, kalten Boden

altes Gartenwissen neu entdeckt.
(Pastor Seippel – Sonntag, 14. Oktober 1894, Nr. 14, 9. Jahrgang, )

Die Zahl der wirklich guten Winterbirnen ist gering. Die meisten Wintertafelbirnen sind allzu empfindlich uns anspruchsvoll, verlangen warme und geschützte Lage, sowie warmen und fruchtbaren Boden. Kann man diese Ansprüche nicht erfüllen, so erntet man entweder gar keine Früchte, oder falls uns der Baum nach langem Warten mit einige Früchten beglückt, bleiben sie hart, sind steinig und geschmacklos. Ich könnte von mancher in den Katalogen als köstlich, schmelzend, und wer weiß was, empfohlenen Sorte ein Liedchen singen, will aber diese heute in Ruhe lassen und eine wirklich gute und dankbare Sorte empfehlen, die auch in schwerem, nicht warmen Boden schmackhaft und schmelzend wird,
es ist die Herrenhäuser Winter-Christbirne.

So heist sie in dem Kataloge der Königlichen Gärtner von Herrenhausen, und da man ihr die Bezeichnung Herrenhäuser gegeben hat, so muß ich annehmen, daß es eine besondere, vielleicht gar dort gezogene Sorte ist, über deren Herkunft ich meinerseits keine Auskunft geben kann. Ich finde dieselbe in keinem der mir zugänglichen Kataloge außer dem Herrenhäuser verzeichnet, und scheint die Sorte noch sehr unbekannt und sehr wenig verbreitet zu sein. Es ist in den Jahren, seitdem der Praktische seine segensreiche Wirksamkeit entfaltet, schon manche gute Birnensorte genannt worden, aber unsere heutige Sorte noch niemals.

Die Birne ist ziemlich groß, abgestumpft eiförmig, also etwas mehr rundlich, auf dem Baume grüngelb, mit feinem Rost mehr oder weniger überzogen. Die Sonnenseite ist sehr oftsehr schön glänzend rosa gefärbt, besonders trat in feuchten Sommern die schöne Färbung hervor. Sie zeitigt gewöhnlich im Januar, wird weich und sehr saftig, hat auch einen eigentümlich gewürzten süßweinigen, sehr angenehmen, milden Geschmack. Auch die kleinsten Früchte sind stets weich geworden. Die Frucht hält sich auch, wie die meisten Winterbirnen, in weichem Zustande recht lange. Der Wuchs des Baumes ist sehr schön, auf Quitte kräftig und gedrungen, er bildet von Natur sehr schöne Pyramiden, an denen man wenig oder gar nichts herumzuschneiden braucht. Etwas feuchten Boden scheint die Sorte zu lieben, man muß daher im trockenen Sommer durch Gießen nachhelfen.

Die Fruchtbarkeit des Baumes ist außerordentlich groß. Er trägt alle Jahre oft überreich und ist in jedem Frühjahr mit Fruchtknospen und Blüten überladen. Einmal wurden viele Früchte in einem ungünstigen Sommer fleckig und rissig, seidem ich aber im Sommer den Baum gieße und dünge, haben sich die Früchte immer sehr schön ausgebildet.

Ob die Sorte auch als Hochstamm zu empfehlen sei, möchte ich, wie bei den meisten späten Wintertafelbirnen, außer Josepfine von Mecheln, für unser Klima bezweifeln, zur Anzucht als Pyramide auf Quitte, auf der sie mittlere Größe erreicht, kann ich sie aber für nicht zu trockenen Boden und etwas geschützte Lage sehr empfehlen. Von allen meinen späteren Winterbirnen hat unsere Sorte in den letzten 12 Jahren am meisten eingebracht, auch noch mehr als Olivier de Serres.

Olivier de Serres ist auch eine vorzügliche Winterbirne für schweren, nicht warmen Boden, sofern er nur fruchtbar ist. Sie hat in dem schweren Lehmboden in Ostingersleben stets ihr Güte erreicht. Zur Zeit der Reife ist die Birne saftig, feinfleischig und angenehm gewürzt. Dazu kommt, daß die Birne in guten Jahren eine bedeutende Größe erreicht. Sie hat die Form einer Bergamotte, ist häufig noch etwas breiter und platter gedrückt, ganz dunkelbraun berostet, besonders an der Sonnenseite recht stark gebräunt, ohne Spuren von Röte. Ein weiterer Vorzug der Sorte ist, daß sie in meinem Boden, abweichend von den meisten anderen Winterbirnen, niemals fleckig oder rissig wird. Ich habe 10 bis 15 Jahre hindurch von einer mittelstarken Pyramide nur glatte und hübsche Früchte geerntet.

Die Tragbarkeit des gedrungen wachsenden Baumes ist sehr groß, die Blüte ist jedes Jahr überreich. Allerdings ist die Fruchtbarkeit nicht jedes Jahr gleich, bei sehr ungünstiger Blütezeit scheint der Baum etwas empfindlich zu sein und setzt nicht so reich an, wie z. B. im vorigen Sommer, während er 1890 sehr reich trug. In weit höherem Maße besitzt diese Empfindlichkeit, wie ich hier beiläufig bemerken will, die sonst gute Madame Verte. Deshalb möchte ich auch davon abraten, Olivier de Serrens bei uns als Hochstamm anzupflanzen, da er eine gegen rauhe Winde geschützte Lage liebt. Gegen strengen Frost ist der Baum indessen gar nicht empfindlich. Auch noch nicht eine Knospe ist erfroren, ebenso war von Frostplatten keine Spur zu merken. Im Sommer muß der Baum aber Wärme haben, damit die sehr späte Frucht gehörig ausreifen kann. Die Früchte ließ ich stets bis Ende Oktober am Baume sitzen, und haben die häufigen Stürme selten eine große und schwere Frucht abgeworfen.

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literatur/der-praktische/birne/winterbirnen-01.txt · Zuletzt geändert: 2017/12/01 22:47 von apfelmann