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literatur:der-praktische:apfel:weihnachtsapfel-01

Weihnachtsäpfel

altes Gartenwissen neu entdeckt.
(von Arthur Bab. – Sonntag, 23. Dezember 1894, Nr. 51, 9. Jahrgang, )

Zum Tannenbaum gehören Weihnachtsäpfel, und alles andere prächtige Zier- und Naschwerk kann uns die Aepfel nicht ersetzen. Die Früchte nun, welche zur ehrsamen Zunft der Weihnachtsäpfel gezählt werden, bilden eine besondere Familie, und wenn sie auch in keinem pomologischen Werke neben Calvillen und Schlotteräpfeln aufgezählt werden, so müssen sie doch eine ganze Anzahl Eigentümlichkeiten gemeinsam haben. Um unsere Gelehrsamkeit voll zu machen, wollen wir gleich die Klassen der Weihnachtsäpfel in zwei Unterabteilungen sondern.
Abteilung A umfaßt solche Aepfel, die mit Nüssen, Pfefferkuchen und anderen Herrlichkeiten zum beliebgen Verspeisen auf einem Teller aufgebaut werden,
und Abteilung B die Aepfel, welche zur Ausschmückung des Tannenbaums selbst dienen.
Lebhafte, recht abwechselnde Farben sind hier erwünscht. Dazu kommt der Zierlichkeit und leichten Beseitigung halber eine möglichst geringe Größe, eine gleichmäßige Gestalt und ein langer dünner und doch festsitzender Stiel. Auf die Feinheit der Frucht kommt es weniger an.

Das Ideal eines solchen Aepfelchens stellt der Carpentin vor, der einen ganz eigenartigen rostbraunen Ton zeigt, der an der Sonnenseite in ein kräftiges Rot übergeht. Er schmeckt vorzüglich und hat auch einen langen Stiel.
Dieselbe Tugend, wenn auch nicht in demselben Maße, besitzt der ebenfalls dunkelfarbige Purpurrote Cousinot. Er ist mittelgroß und von prächtig dunkelroter Färbung. Seine in der Provinz Sachsen häufige Bezeichnung Christkindapfel kennzeichnet wohl am besten seine Beliebtheit als Baumschmuck.
Außer diesen beiden dunkelfarbigen Früchten sind andere mit helleren Schattierungen auch beliebt und geben dem düsteren Grün der Tanne einen lieblichen Gegensatz.
Es wäre hier vor allem der Edelborsdorfer zu nennen. Mit gelbem Grundton, leuchtendroten Backen und seinen einzelnen über die Frucht zerstreuten Warzen ist er wohl genugsam bekannt.
Ihm ähnlich, nur auffallend platt und mit noch dünnerem Stiele ist der Zwiebelborsdorfer.
Der dritte im Bunde, der sogenannten Weiße Borsdorfer, heißt eigentlich Weißer Winter-Taffetapfel, und wird als solcher von Kennern geschätzt.
Noch zwei andere kleine Aepfel wären zu unserem Zwecke zu erwähnen: der Downton-Pepping und Credes Taubenapfel. Ersterer ist rundlich, kegelförmig, letzterer hat die charakteristische Eiform der Taubenäpfel. Gemeinsam ist beiden die gelbe Grundfarbe, währen aber der Downton-Pepping an der Sonnenseite nur einen goldigen Schein annimmt, zeigt sich Credes Taubenapfel dort über und über blutrot geflammt.
Ein ähnliches Farbenspiel finden wir auch bei dem in Süd-Deutschland öfter angebauten Stern Api, nur daß er eine flachrund Gestalt besitzt. Während aber alle vorgenannten, mit Außnahme von Credes Taubenapfel, neben ihrem schmucken Aussehen gute bis vorzügliche Tafelfrüchte sind, kann man dies dem Stern Api durchaus nicht nachrühmen. Selbst als Wirtschaftsfruchtt ist er wenig zu verwerten. Sein Hauptvorzug sind seine dekorativen Eigenschaften.

Zur Verzierung des Christbaumes sind auch die niedlichen Früchte der als Ziergehölze angepflanzten Malusarten (Kirschäpfel, Beeräpfel, Zieräpfel) zu empfehlen.
Bei dem gleich am Feste zu verspeisenden Aepfeln wird man natürlich mehr auf die Größe und auf den guten Geschmack sehen und nehmen, was der eigene Hausgarten und in Ermangelung dessen der Markt bietet. Es wird von Interesse sein, die Sorten anzuführen, welche bei den Berliner Obsthändlern um die Weihnachtszeit anzutreffen sind.
Es sind dies der Gelber Bellefleur, der Englischer Goldpepping, der Edelborsdorfer, die Goldparmäne, der Weiße Winter-Taffetapfel und der Rote Stettiner, der hier Rostocker genannt wird, jedoch mehr zu wirtschaftlichen Zwecken verwendet ist.
Ferner findet man noch den Parkers Pepping, Leder-Reinette genannt, sowie die Canada-Reinette unter dem Lokalnamen Stern-Reinette in großen Mengen vor. Diese Sorten erscheinen jedoch trotz des feinen Geschmacks durch ihre unscheinbare graue Schale weniger für den Weihnachtstisch geeignet.
In vielen Jahren treten in bedeutenden Mengen drei fremde Sorten auf:
der Steierische Borsdorfer oder Marschansker, als Ersatz für den Edelborsdorfer, eine tiroler Frucht, der breitgebaute Mantuaner, sowie der aus der Schweiz stammende, kegelförmige Hans Uli-Apfel, in Berlin Edelweißer genannt. Alle drei sind durch prächtige Färbung ausgezeichnet.

Anmerkung der Redaktion.
In der Provinz Brandenburg, besonders im Frankfurter Bezirk ist der Rote böhmische Jungfernapfel unter dem Namen Rotes Hähnchen der beliebteste Weihnachtsapfel. Er ist dem Purpurroten Cousinot ähnlich, aber feiner. Außerdem darf hier der beliebte Pepping, der Rote Wintertaubenapfel, nicht fehlen.

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literatur/der-praktische/apfel/weihnachtsapfel-01.txt · Zuletzt geändert: 2017/11/28 21:28 von apfelmann